Was ist Meditation?!? – Teil 2


Dualität und Tao – Trennung und Einheit

Wenn es also um Meditation im klassischen Sinn geht, dann geht es meist darum, in einen Bereich zu gehen, der viele Namen hat, den ich das „darüber hinaus“ nenne, den man aber auch das Universalbewusstsein, Erleuchtung, Nirwana oder ein Gotteserlebnis nennen kann. Ich möchte hier den Unterschied zwischen unserm normalen dualen Alltagsbewusstsein und diesem „darüber hinaus“ erklären.

Hier geht es zum 1. Teil und zum 3. Teil der Artikelserie

Die Dualität

Ich möchte Sie nun bitten, sich kurz ALLER ihrer Eigenschaften und Gefühls- und Bewusstseinszustände zu vergegenwärtigen. Wenn sie zu sich ehrlich sind, dann sind da normalerweise völlig unterschiedliche Eigenschaften wie Liebe und Hass, Wut und Trauer. Aber sie alle gehören zu uns und sind meist gleichzeitig vorhanden, was uns verwirrt. Diese Verwirrung rührt daher, dass wir glauben, wir müssten uns entscheiden – im Leben, in der Arbeit, für eine Meinung, für einen Menschen, für ein Gefühl, für eine innere Haltung und so weiter. Diese Haltung zum Sich-entscheiden-Müssen ist im westlichen Kulturkreis aufgrund der historischen Entwicklung sehr verbreitet. Durch die jahrhundertelange kirchliche Aufteilung in Gut und Böse und durch das mechanistische Weltbild der Aufklärung ist der Drang, die Dinge einteilen und sich entscheiden zu müssen, tief in uns verankert.

Der Computer – Inbegriff der Dualität

Der Computer ist der Inbegriff dieses Weltbildes schlechthin: Er funktioniert immer nach dem Prinzip 1 und 0. Entweder ist Strom da oder nicht. Aus diesen beiden Zahlen setzen sich alle Programme zusammen, und es gibt entweder die eine oder die andere Möglichkeit. Computer beherrschen unser Leben und durch ihre Funktionsweise auch unser Denken. Im Alltag muss ich in der Welt der Dualität zurechtkommen und mich ihrem Prinzip unterordnen. Ich muss mich immer für eine Handlung entscheiden. Entweder hebe ich den Topfdeckel hoch oder nicht. Entweder gehe ich jetzt schlafen oder nicht. Entweder kaufe ich die Aktien oder nicht. Wir müssen uns tagtäglich sowohl körperlich als auch geistig für eine Handlung entscheiden. Es geht mir auch nicht darum, diese Dualität zu verdammen. Sie ist unser tägliches Brot. In ihr können wir uns bewegen, uns verwirklichen und uns ausdrücken. Deshalb sind die Fähigkeiten unseres Geistes zur Unterscheidung, Einteilung und Beurteilung sehr wichtig. Ohne sie könnten wir nicht handeln und bestehen.

Viele glauben jedoch, dass dies die einzige Lebenswirklichkeit sei und das Leben nur aus 1 und 0 bestünde. Doch das Leben funktioniert meiner Ansicht nach auch auf andere Weise. In den östlichen Religionen wird die Vereinigung des Gegensätzlichen als endgültige Lösung dieses Problems gesehen. Ich stimme dem aus eigener Erfahrung zu, doch wenn man bisher nur den Weg der Dualität, also des Sich-entscheiden-Müssens, kennen gelernt hat, dann fällt das sehr schwer.

Ich habe nun mal ihre fiktiven Eigenschaften alle in das folgende Kuchendiagramm übertragen.

Sehen Sie sich nun bitte diesen Kreis an und richten Sie Ihr Augenmerk auf den Punkt in der Mitte. Dort vereinigen sich alle Aspekte Ihres Lebens. Dort fallen alle Grenzen, Unterscheidungen und auch Probleme, die Sie bis jetzt damit hatten.

Doch wie können Liebe und Hass, Tag und Nacht gleichzeitig existieren? Dieser scheinbare Widerspruch passt ja nun so gar nicht in unser bekanntes Denkschema und unsere alltägliche Erfahrung. Es geht dabei auch nicht um eine alltägliche Erfahrung und einen „normalen“ Geisteszustand, sondern um ein Bewusstsein, das über unsere normalen Erfahrungsmuster hinausgeht und sehr tiefgreifend und umfassend ist. Aber lassen wir Laotse, den Verfasser des Tao Te King, selbst zu Wort kommen:

Dreißig Speichen gehören zu einer Nabe

Doch erst durch das Nichts in der Mitte

kann man sie verwenden

Man formt Ton zu einem Gefäß

Doch erst durch das Nichts im Inneren

kann man es benutzen

Man macht Fenster und Türen für das Haus

Doch erst durch ihr Nichts in den Öffnungen erhält

das Haus seinen Sinn

Somit entsteht der Gewinn

durch das, was da ist

erst durch das, was nicht da ist

Tao Te King 11

Laotse. Tao Te King. Zürich 1985

Mit dem Beispiel vom Rad mit dreißig Speichen greift auch Laotse das Bild des Kreises auf und verweist darauf, dass erst das Nichts in der Mitte die Funktion des Ganzen ermöglicht. In dieser Leere ist das Tao, das buchstäbliche Nichts, zu Hause. Wenn der Geist in diesem Zustand verweilt, herrscht dort ebenfalls Leere. Doch diese Leere ist sehr wichtig. Im Zustand des Tao ist der Geist frei von jeder Einteilung, Meinung und Beschränkung. Er kann die Sinneseindrücke nehmen, wie sie sind. Hören ist einfach nur hören, Sehen ist einfach nur sehen. Ohne die Eindrücke sofort wieder zuzuordnen und einzuteilen, ohne sie mit Sympathie oder Antipathie gemäß den bisherigen Erfahrungen zu belegen. Man sieht wie ein Säugling, der die Welt zum ersten Mal betrachtet. Man ist einfach nur da, mit seinem ganzen Sein. Voll in diesem Augenblick, voll im Hier und Jetzt. Es gibt nichts zu erreichen und nichts zu vergessen. Ich will mit dieser Erfahrung nichts bezwecken und sie nicht zu meinem Nutzen einsetzen. Ich bin einfach voll und ganz da, voll und ganz in diesem Augenblick. Es gibt keinen Unterschied zwischen diesem Augenblick und mir. Alle Grenzen verschwinden. Raum und Zeit werden eins. Es gibt nur diesen Atemzug, nur diesen einzigen unverwechselbaren, wunderbaren Augenblick.

Das Tao ist also keine Erfahrung, die uns alltäglich geschenkt wird, und dennoch hat jeder von uns schon Ahnungen davon erhascht: Wenn wir uns zum Beispiel frisch verliebt in die Arme des geliebten Menschen fallen lassen können und einfach alles um uns herum vergessen. In solchen Situationen können wir alte Beschränkungen aufgeben und uns plötzlich persönlichen Einstellungen nähern, von denen wir uns noch vor Kurzem weit entfernt wähnten.

Diese Erfahrung lässt sich auch nicht festhalten, denn sie findet immer jetzt statt. Wenn ich sie konservieren will, ist sie auch schon wieder vorbei. Deshalb ist es so schwer, über das Tao zu schreiben, und genau aus diesem Grund wird das Tao gern mit rätselhaften Worten umschrieben. So lautet die wörtliche Übersetzung des Wortes Tao Weg. Denn auch der Weg ist ein Ort der Bewegung, des ständigen Fließens, und wenn ich verweile, bin ich nicht mehr auf dem Weg, sondern bereits an einem Ort angekommen. Den Weg erfahre ich nur, wenn ich ihn immer weitergehe. Das Leben erfahre ich nur, wenn ich es immer weiterlebe. Immer im Hier und Jetzt und nirgendwo anders. Das bedeutet, dem Tao zu folgen. Tao und Leben sind eins

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