Die Einpflanzung


Dieser Artikel beruht auf einem Skript, welches ich für die Ausbildung in Gestalttherapie (ganzheitliche Wahrnehmungs- und Ausdruckstherapie) verfasst habe. Da ich sehr gute Rückmeldungen der Ausbildungsteilnehmer über diesen Artikel bekam, glaube ich, dass es auch für die Allgemeinheit interessant ist. Der Ausgangspunkt dabei ist, ist die Frage, wieso uns es in manchen Situationen so schwer fällt Dinge, die uns wichtig sind zu verwirklichen. Ein paar Beispiele: Wieso fällt es uns so schwer um eine Gehaltserhöhung zu fragen? Warum wehren wir uns nicht gegen ungerechtfertigte Anschuldigungen eines Kollegen, sondern schlucken das brav? Wie kommt es, dass wir sofort abwiegeln, wenn wir gelobt werden und unsere Leistung vor dem Anderen abschwächen?

Der Grund, warum wir so handeln kann in dem liegen, was in der gestalttherapeutischen Fachsprache ein Introjekt genannt wird, welches man ins Deutsche mit Einpflanzung übersetzen könnte. Das Introjekt gehört zu den Abwehrmechanismen in der Gestalttherapie. Diese Abwehrmechanismen haben die Aufgabe, den Kontakt zwischen meinen Gefühlen, meinen spontanen Impulsen und dem aktiven Leben in mir und außerhalb von mir zu unterbrechen. Die Abwehrmechanismen bilden also eine Art Schutzschild, der umso stärker ist, je intensiver die darunterliegenden Gefühle sind. Diese Abwehrmuster sind aber grundsätzlich nichts Schlechtes per se, sondern haben uns in der Vergangenheit auch durchs Leben kommen lassen.

Man muss sich nur einen Sandkasten mit ein paar 2 – 3 jährigen Kindern vorstellen. Was passiert, wenn ein Kind dem anderen die Schaufel wegnimmt? Zuerst wird das „bestohlene“ Kind erst einmal weinen, denn es ist traurig und dann wird es wahrscheinlich handeln. Entweder rennt es zu seiner Mutter oder seinem Vater und klagt sein Leid, holt sich die Schaufel einfach wieder oder schlägt vielleicht das andere Kind, oder, oder… Dies sind alles einfach natürliche Reaktionen, die seine derzeitigen Gefühle zum Ausdruck bringen. Doch was passiert, wenn einem Erwachsenen so etwas passiert. Natürlich nimmt mir keiner mehr meine Sandschaufel weg, aber doch den Parkplatz, den Platz in der Warteschlange im Supermarkt, den Job oder die Beförderung. Normalerweise weinen wir dann erst einmal nicht und wenn, dann nicht öffentlich und wir verprügeln auch nicht unseren Chef, wenn er uns die Beförderung versagt. Abwehrmechanismen sind also dafür zuständig, dass wir uns im Rahmen unserer Gesellschaft und ihren Regeln bewegen. Doch was ist, wenn diese Regeln lebensfeindlich sind oder unsere psychische Gesundheit beeinträchtigen. Dann schaden sie uns mehr, als dass sie uns helfen.

Es gibt in der Gestalttherapie mehrere Abwehrmechanismen, wobei das Introjekt ein sehr wichtiger ist. Es ist ganz stark mit dem verbunden, was ich das Familienbewusstsein nenne. Früher war es für das Überleben der Gruppe unabdingbar, dass sich jeder an die Regeln der Gruppe hielt. Abweichungen davon konnten unter Umständen den Tod der ganzen Gruppe bedeuten. Dies erstreckte sich sowohl auf materielle Bereiche (entsprechendes Verhalten in der Natur, gegenüber Tieren und anderen Gruppen), wie auch gegenüber mentalen Bereichen (Verhalten gegenüber Geistern, Ahnen, Göttern) und soziale Bereiche (Tabus, Respekt vor den Älteren, Kommunikation untereinander usw.). Um das Überleben zu sichern legten sich Gruppen also alle möglichen Regeln, Gesetze und vorgeschriebene Verhaltensweisen zu, an die sich alle Gruppenmitglieder zu halten hatten. Ansonsten drohte Ausschluss aus der Gruppe, was in der Frühzeit oft den Tod bedeutete.

Im Laufe der Geschichte haben sich diese Regeln natürlich verändert und sind teilweise heute vollkommen unnötig. So verhungert heute niemand mehr, wenn er sich außerhalb der gesellschaftlichen Normen bewegt. Allerdings fühlt es sich für die meisten von uns noch so an, als würde diese Konsequenz eintreten. Das kommt auch daher, dass wir viele dieser Regeln im Kindesalter lernen. Das Kind hat allerdings (je jünger es ist, desto mehr) noch eine Situation, die der ursprünglichen Abhängigkeit in einer Sippe ähnelt. Es ist normalerweise von den Eltern vollkommen abhängig und auf ihre Zuneigung und Sorge angewiesen. Beim Entzug von Beidem, zum Beispiel als Strafe, fühlt sich das Kind in alter Weise ausgeschlossen mit der tief verankerten Überlebensangst. Um dem zu entgehen, befolgt es die Regeln der Familie, in der es lebt.

Diese Regeln, Normen und Verhaltensvorgaben, die auch jeder von uns heute noch in sich trägt, sind das, was man ein Introjekt nennt. So werden die Werte und Normen der Eltern erst einmal ungefragt übernommen ohne sie richtig zu verarbeiten. Dieses Verarbeiten und Integrieren stellt auch den Unterschied zwischen einem Introjekt und einer integrierten Erfahrung dar. Alles, was auf uns einströmt ist im Prinzip erst einmal ein Introjekt und muss von uns normalerweise verdaut und verarbeitet werden. Durch diesen Verarbeitungsprozess wird die Information verändert und meinen eigenen Werten und Zielen angepasst und mit ihnen organisch verwoben. Nach diesem Prozess habe ich sozusagen mein Introjekt daraus gemacht. Je jünger ein Kind ist, desto vertrauensvoller nimmt es die Introjekte in sich auf, ohne sie zu bearbeiten. So entsteht in uns eine Liste aus Dingen, die man „Soll und Muss“ und „wie man zu sein“ hat. Da dies oft schon sehr früh in der Kindheit geschieht, ist dies vielen Menschen nicht bewusst.

Wenn wir uns also nicht gegen die ungerechtfertigten Anschuldigungen des Kollegen wehren, dann könnte ein Introjekt „Ich darf mich nicht wehren, denn man darf nicht aggressiv sein“, oder „Ich hab ja sowieso keine Ahnung, also hat der Andere recht.“ dahinterstecken. In diesen Sätzen hört man auch die Stimme der Erwachsenen heraus, die dem Kind dann vielleicht: „Sage keine Widerworte gegenüber Erwachsenen (also wehr dich nicht)“ oder „Davon hast du keine Ahnung, du bist noch ein Kind“ beigebracht haben. Und das brave Kind befolgt diese Regeln sogar noch, wenn es selbst Erwachsen ist und die Vorgaben gar keinen Sinn mehr machen. Wenn sich diese unsinnigen Regeln dann mit dieser starken „Sippenkraft“, von der ich vorhin gesprochen habe, verbinden kommen diese Verhaltensmuster heraus, die uns in unseren Rollen einzwängen und sich oft nur unter mentalem Kraftaufwand verändern lassen. Ich kann aber aus eigener Erfahrung nur sagen, dass sich dieser Aufwand lohnt und das Leben freier und reicher macht.

Wie schon gesagt, ist nicht jedes Introjekt schlecht. So ist es durchaus sinnvoll erst nach rechts und links zu schauen, bevor man über eine Straße geht. Auch dieser Automatismus, den die meisten von uns haben, ist ebenfalls ein Introjekt, aber auch heute noch sinnvoll. In einer Gestalttherapie muss also herausgearbeitet werden, welches Introjekt welche Auswirkung hat und ob es in der heutigen Situation des Klienten noch Sinn macht, oder vielleicht nur noch in bestimmten Situationen eingesetzt werden sollte. So entsteht ein eigenverantwortlicher und unabhängiger Umgang mit den Abwehrmechanismen und man lernt sie sinnvoll einzusetzen, um im Leben weiterzukommen.

Weiteres über diese Themen findet ihr auch in meinem Buch „Eins werden Eins sein“.

Beste Grüße

Euer Klaus

 

Kategorien:Bewusstsein, PsychologieSchlagwörter:, , ,

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