Wenn wir nur im Außen leben – die Projektion


In meinem Artikel zur Ganzheit stellte ich ja die These auf, dass wir ein ganzheitliches Bewusstsein haben und somit auch ALLE Gefühle zu uns gehören. Auch die sogenannten negativen Gefühle und dass wir, um ganz zu diesen Gefühlen auch Raum in uns geben müssen.

Vielleicht werden Sie jetzt einwerfen: „Was würde denn passieren, wenn wirklich alle Menschen ihren negativen Gefühlen freien Lauf ließen? Die Welt würde in Krieg und Chaos versinken.“ Meine These geht in genau die entgegengesetzte Richtung. Die Welt versinkt in Krieg und Chaos, weil wir all diese so wichtigen Gefühle unterdrücken. Krieg ist meiner Meinung nur der chaotische und destruktive Ausdruck von lange angestauter Aggression, verbunden mit einer starken negativen Projektion auf das vermeintlich feindliche Volk. Die anderen sind schuld. Dass wir genau das in der Außenwelt bekämpfen, was wir im Inneren unterdrücken, wird dabei oft übersehen.

Was ist eine Projektion?

Ich verwende hier den Begriff der Projektion, den ich näher erklären möchte. Die Projektion funktioniert wie ein Projektor, der einen inneren Film auf eine äußere Wand wirft. Wir meinen, das Bild sei tatsächlich in der Außenwelt anzusiedeln und auch das Geschehen laufe dort ab, aber der eigentliche Film kommt vom Projektor selbst – es ist ein innerer Vorgang. Ebenso funktioniert das oft mit unseren Gefühlen. Bestimmte Menschen – die gar nichts Besonderes tun müssen – machen uns einfach wütend. Wir finden unmöglich, wie sie sich verhalten, was sie sagen und welche Einstellung sie zum Leben haben. Dabei können wir manchmal gar nicht recht sagen, weshalb wir gerade auf diesen Menschen so reagieren. Vielleicht könnte man in solchen Fällen folgende  Grundregel aufstellen: Immer dann, wenn ich sehr stark auf das Verhalten eines Menschen reagiere, geht etwas in mir mit ihm in Resonanz. Er spricht etwas in mir an, und das reagiert. Meist sind es Dinge, mit denen ich mich selbst nicht auseinandersetzen mag.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, jemand hat einen sehr herrschsüchtigen, tyrannischen und willkürlichen Vater. Es ist davon auszugehen, dass das Kind eines solchen Mannes einige seelische Verletzungen davonträgt, die es sein Leben lang beeinflussen werden. Welche das sind, sei dahingestellt. Viel wichtiger für die Projektion ist die Reaktion des erwachsenen Kindes auf Leute, die sich benehmen wie der Vater. Es wird wohl eine Abneigung gegen alles entwickeln, was auch nur ansatzweise an Autorität, Macht und Aggressivität erinnert. Denn in seinem Geist ist gespeichert: „Ein solches Verhalten ist schlecht. Es verletzt andere (denn es hat mich verletzt). Ich muss alle bekämpfen, die sich so verhalten und darf mich auf keinen Fall selbst so verhalten, sonst tue ich anderen an, was mir selbst angetan wurde.“ Diese Gedankengänge sind jetzt natürlich rein hypothetisch, aber meiner Erfahrung nach läuft in vielen Menschen dieses Programm ab und führt dann zu einem übersteigerten Abwehrverhalten gegenüber den jeweiligen Verhaltensaspekten. Um beim Beispiel mit den Eltern zu bleiben: Es kann sich natürlich auch gegen jedes andere elterliche Verhalten ein solches Abwehrprogramm bilden. So können beispielsweise Entscheidungsschwäche, übertriebene Ordnungsliebe und Konfliktvermeidung das Thema der Abwehr sein.

Wie die Projektion mich einschränkt!

Das Resultat dieser inneren Haltung ist die Projektion auf den anderen, also auf das Außen. Das große Problem dabei ist, dass es mich sowohl innerlich als auch äußerlich einschränkt. Ein gesunder Kontakt zu anderen ist somit nicht mehr möglich, da ich sie von vornherein völlig ablehne. Was aber, wenn derjenige mir diese Seite seiner Persönlichkeit nur bei der ersten Begegnung gezeigt hat, er aber nicht immer, sondern nur in der Anfangsphase zwischenmenschlicher Beziehungen so ist? Was, wenn dies sein Problem ist und in der Folgezeit ganz andere Seiten von ihm zutage treten, die vielleicht wichtig für mich sind und mir weiterhelfen? Aber dann habe ich diesen Menschen bereits in die Schublade „autoritär = schlecht und böse = bekämpfen und ablehnen“ gesteckt. Jede Chance auf Kommunikation und wirklichen Kontakt ist verbaut und der Fluss des Lebens unterbrochen. Ich aber darf in meiner Welt, die ich mir innerlich aufgebaut habe, verharren, mein Weltbild bleibt intakt. Allerdings ist der Preis, den ich dafür zahle, hoch: Einsamkeit und Stillstand in meinen Beziehungen, eventuell sogar in meinem beruflichen Fortkommen.

Was passiert mit meinen abgelehnten Gefühlen?

Ein weiterer wichtiger Grund für die explosionsartige Entladung in einer Projektion, wie es zum Beispiel im Krieg geschieht, ist die Abwehr unterdrückter Gefühle. Denn genauso, wie ich die entsprechenden Eigenschaften im Außen ablehne, lehne ich sie natürlich auch bei mir selbst ab. Das bedeutet, dass ich nie herrschsüchtig, schwach, entscheidungsgehemmt oder aggressiv sein darf. Aber Ganzheit bedeutet, dass wir wirklich ganz sind. Das heißt, wir tragen alle Teile in uns – natürlich auch die für uns auf den ersten Blick negativen. Was aber passiert, wenn sich dieser Teil unserer Person im täglichen Leben bemerkbar macht? Oft gibt es Situationen, in denen es durchaus angemessen und richtig wäre, aggressiv, schwach und so weiter zu sein. Aber das ist nicht erlaubt. Also unterdrücke ich diese Dinge, und im Laufe der Zeit sammeln sich die Aggression, die Schwäche etc. in mir an, bis meine Seele es nicht mehr aushält. Ein Ventil muss her, und da haben wir eine beliebte Lösung zur Hand – die Projektion nach außen. Meine ganze Aggression richtet sich dann auf ein Außen, das all das Schlechte verkörpert, das wahrscheinlich auch in mir ist. In meiner Vorstellung war dieser Mensch, auf den ich projiziere, schon immer aggressiv und herrschsüchtig, aber jetzt reicht es mir, jetzt gehe ich gegen ihn vor.

Durch die Projektion sind plötzlich Tabus erlaubt!

Plötzlich darf ich sogar selbst aggressiv sein, weil der andere ja so aggressiv ist. In der Projektion kann plötzlich alles sein, was vorher verboten war. Als Therapeut betrachte ich das als eine Möglichkeit für die Seele, einen Ausgleich herzustellen und das Weltbild gleichzeitig unangetastet zu lassen. Dieser Vorgang der Entladung ist sowohl in Zweierbeziehungen als auch bei Völkern, Vereinen und Religionen zu beobachten. Ein weiterer interessanter Effekt ist für mich als Projizierender, dass ich keine Verantwortung für mich übernehmen muss, denn schließlich ist der andere selbst schuld. Ich bin dann entweder das arme Opfer, dem andere immer etwas antun, oder der Perfekte, der nicht versteht, warum die anderen immer so viele Fehler machen müssen. Die Erklärungsmöglichkeiten gehen gegen unendlich, aber am Ende kommt dabei immer dasselbe heraus: Nicht ich, sondern die Außenwelt ist für das Geschehen verantwortlich. Damit ergibt sich auch eine Trennung der Außenwelt von den Prozessen, die in mir und um mich herum stattfinden. Überdies nehme ich mir die Möglichkeit, selbstständig Veränderungen herbeizuführen. Schließlich sind immer die anderen das Problem, nicht ich selbst.

Was bleibt, ist Unfreiheit und eine Verzerrung der Wirklichkeit. Unfreiheit in meinen Entscheidung und eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Nur so sind die teilweise irrrwitzigen Entscheidungen zu verstehen, mit denen Kriege begründet werden. Nur so kann ich die Welt aufrechterhalten in der ich der Gute und der andere der Böse ist. Nur mit dieser Weltsicht können all die Greueltaten begründet werden, die auf der Welt immer wieder und wieder geschehen.

Was helfen würde, wäre der Blick nach innen…doch davon später

Liebe Grüße

Klaus

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